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Liebe Leserinnen und Leser,
Anne Carson also. Literaturnobelpreis. Das macht Mut - und zugleich irgendwie besorgt. Mut, weil: Der Literaturnobelpreis funktioniert noch. Verlässlich und unbestechlich. Geehrt wird eine Autorin, die gegen alles steht, was etwa der germanenorientierte Kulturpolitiker fantasiert, der soeben zum Vize-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt gewählt wurde. Eine Altphilologin, die den Mythos, den die Deutschnationalen beschwören, konsequent dekonstruiert, mitsamt des identitären, lyrischen Ichs. Die das Hybride aller Kultur zum Thema macht, die Machtstrukturen, die es zu vermeintlichen Identitäten zusammenfügt. Dass sich in die Freude auch ein komisches Gefühl der Sorge schleicht, hat damit zu tun, dass mir der dekonstruktive Ansatz als viel zu filigran für unsere Gegenwart erscheint. Gemacht für Zeiten, in denen man sich mit intellektueller Lust in Zitaten und Verweisen verlor, Genealogien nachsann und die Subversion in der Parodie suchte und fand. Von heute aus wirkt das auf mich luxuriös. Ich fürchte, gegen die neuen Identitären ist mit Dekonstruktion leider nicht anzukommen. Aber sei's drum. Daran, dass die Weltinterpretation heute robusteres Werkzeug zu brauchen scheint, ist schließlich nicht die Dekonstruktion schuld und schon gar nicht Anne Carson. Genießen wir einfach, dass dieses Werk in dieser Welt noch geehrt wird. Herzlich Ihre Heide Oestreich, Programmchefin von radio3
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| Anne Carson | Bild: imago-images.de/Pontus Lundahl/TT |
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Ausgezeichnete Autorinnen: Wie viel Macht hat die Literatur? | Als Anne Carson im Mai in Berlin gelesen hat, war der Andrang groß. Und das bei Lyrik! Offensichtlich gelingt ihr gerade etwas, das so viele Menschen vermissen: Die passenden Worte finden in einer Zeit, in der so vieles Vertrautes zerrüttet scheint. Die neue Literaturnobelpreisträgerin ist Altphilologin und liebt alle literarischen Genres, die sie gerne mischt. Sie überträgt immer wieder antike Themen in die Gegenwart und hat mit ihrem Debütroman „Eros the Bittersweet” ein Phänomen eingefangen, das unsere Gegenwart gut umschreibt: Bittersüß ist die Liebe. Und kein romantischer Kitsch. Großen Anklang fand eine weitere Literatur-Auszeichnung in dieser Woche: Der Deutsche Buchpreis ging an Shida Bazyar. In ihrem Roman „Lücken” gelingt es ihr, die großen erinnerungspolitischen Fragen auf engstem Raum zu verhandeln. Im fiktiven Dorf Heimesbach geht sie der Frage nach, wie sich bis heute ein Schweigen über die NS-Geschichte legen konnte, und zeigt die Lücken in den Erzählungen. Ein anschauliches Beispiel für die Wirkmacht von Literatur: Bazyar macht sichtbar, was sonst überdeckt wird. „Ich wollte das zwar verstehen, aber ich wollte Figuren darstellen, die sich aktiv dazu entscheiden mitzumachen, weil sie mitmachen wollen”, sagt sie. Mit dem Buchpreis beginnt traditionell die Frankfurter Buchmessen-Woche. Seit Mittwoch trifft sich die internationale Literaturszene dort, in diesem Jahr waren bei der Eröffnungsfeier auch eher besorgte Töne zu hören. Wie sehr bedrohen autoritäre Strukturen die Literatur – und was kann sie dagegensetzen? Die Schriftstellerin Radka Denemarková aus dem Gastland Tschechien antwortete kämpferisch: „Die Frage von heute ist ganz einfach: Offene Demokratie oder geschlossene Gesellschaft? Die Literatur kennt die Antwort. Deshalb ist sie so gefährlich.” Im Alltag bleibt eine Frage zentral: Wer schützt die Menschen, die Literatur schreiben – und geben wir ihren Büchern genug Raum in unseren Gesprächen, wenn Demokratie unter Druck gerät? |
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Solidarität mit Sachsen-Anhalt: Was können wir für die Kultur tun? | Vielen macht es Angst, was diese Woche in Sachsen-Anhalt passiert ist: Ein Landtag wählt erstmals einen Präsidenten einer Partei, die in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestuft ist. Die naheliegende Reaktion: Ohnmacht, gefolgt von Verdrängung. Wer in Berlin lebt, hat es da oft leichter – hier bedrohen die Kultur eher Sparmaßnahmen als rechte Kulturkämpfer. In Sachsen-Anhalt geht es um mehr, in Brandenburg künftig vielleicht auch. Die Schriftstellerin Anne Rabe hat daher im Deutschen Theater Berlin einen Solidaritätsabend für Initiativen und Kultureinrichtungen organisiert. Sie setzt auf drei Dinge: Spenden, Sichtbarkeit und politischen Druck. „Solidarität ist konkret: Demokratievereine brauchen Geld. Die AfD will ihre staatliche Förderung streichen – das gelingt nur, wenn sie sich nicht selbst tragen können. Unterstützen wir sie, wird die Gefahr von rechts kleiner.” Das gilt weit über den Abend im Deutschen Theater hinaus. |
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„Lügen über meine Mutter”: Wenn Frauenkörper zur Zielscheibe werden | Zu dick! Manchmal ist er auch zu dünn, zu alt oder zu schlapp. Oder entspricht nicht den idealen Proportionen. Der Frauenkörper ist nach wie vor Schauplatz für Männermachtspiele. Daniela Dröscher exerziert so ein Spiel in ihrem Roman „Lügen über meine Mutter” durch, aus der Perspektive eines Kindes. Der Clou: Das Gewicht der Mutter, die vom Vater drangsaliert wird, bleibt nur eine Andeutung. Wie lässt sich das ins Medium Film übertragen, das reale Körper zeigt? Drehbuchautorin und Schauspielerin Rosalie Thomass hat es für die Romanverfilmung so gelöst: „Mir war wichtig, dass der Körper dieser Frau – der ja dann auch meiner ist – am Rand dessen changiert, was unsere Sehgewohnheiten im Film sind, aber nicht weit darüber hinausgeht.” Sie wollte nicht über gesundheitliche Aspekte von Übergewicht diskutieren, „sondern darüber, dass dieser Mann Gewalt anwendet.” Ab heute können Sie sich im Kino selbst ein Bild davon machen und die eigenen Sehgewohnheiten hinterfragen. |
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| Rosalie Thomass in „Lügen über meine Mutter" | Tobis Film: Luis Zeno Kuhn |
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KULTURTIPPS aus der radio3 Redaktion | Heute ausgesucht von Guylaine Tappaz, Chefin vom Dienst bei radio3 Kino: Gleich zum Start bin ich schon zu „Alte Liebe”, dem neuen Film von Andreas Dresen, verabredet. Ich mag seine leise Art, Filme zu machen und freue mich schon auf das Schauspiel-Duo Dagmar Manzel und Joachim Krol - die beiden zicken sich nach 40 Jahren Ehe wohl herrlich an. Ob ich mich darin, wie unsere Moderatorin Katja Weber, erkennen werde? Theater: Das kleine Theater am Palais bringt großes Weltgeschehen auf die Bühne - mit dem Stück „Wir spielen Alltag" nach einem Buch der israelischen Autorin Lizzie Doron. Darin erzählt Doron anhand von alltäglichen Begegnungen vom Leben nach dem 7. Oktober. Im Gespräch sagte uns Doron, die auch eine Wohnung in Berlin hat, sie hätte beide Heimaten verloren: Israel und Berlin. Literatur in der Lausitz: Die Gemeinde Altdöbern feiert ab morgen einen anderen Großen der Weltliteratur: Günter Grass. Bis zum 17. Oktober laden die Günter Grass Kulturtage zum gemeinsamen Erleben von Literatur, Kunst und Musik ein. Ein Höhepunkt: Helene Grass, Schauspielerin und Tochter des Schriftstellers, wird aus seinen Werken lesen. Das radio3-Event: Einen Preisregen gibt es derzeit für das Berliner Staatsballett: Deutscher Tanzpreis 2026 für den Intendant Christian Spuck, 2024 Tanzkompanie des Jahres. Am Mittwoch, 14. Oktober ist Christian Spuck zu Gast im Guten Salon bei Petra Gute. Seitdem er die Leitung übernommen hat, sind die Vorstellungen sehr schnell ausverkauft. Achtung: Für die Wiederaufnahme des gefeierten Nurejew von Star-Regisseur Kirill Serebrennikov ist der Vorverkauf für das Frühjahr schon gestartet! Hier können Sie sich für den Guten Salon anmelden. |
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| Geiger Iskandar Widjaja | Bild: promo/iskandarwidjaja.com |
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| Genre-Grenzen in der Musik? Die Zeiten sind vorbei. Und das Ergebnis kann sich hören lassen, zum Beispiel bei der Classical Club Night im Ballhaus Berlin. Der Geiger Iskandar Widjaja kombiniert Klassik nicht nur mit Pop, Rock und Elektronik, sondern auch mit Comedy. Ein großer Spaß mit Tanzpotenzial also. Wir verlosen 2x2 Karten für Donnerstag, 22.Oktober, 21 Uhr. Per Mail bis Montag, 12. Oktober 17:00 Uhr, an kulturletter@radiodrei.de. Was wären Computerspiele wie „Tomb Raider”, „Kingdom Come: Deliverance” oder „Final Fantasy” ohne ihren Soundtrack. Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt sie nun im Konzertsaal, und das im Rahmen der neuen ARD-Reihe „Game on Symphony” am Freitag, 23. Oktober, 19:00 Uhr im Haus des Rundfunks. Wir freuen uns auf Ihren Besuch und spendieren 2x2 Karten. Per Mail bis Montag, 12. Oktober, 17:00 Uhr, an kulturletter@radiodrei.de. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden am Dienstag informiert. Kulturkarten am Morgen: Bei unserem täglichen radio3-Kultur-Quiz haben Sie on Air die Chance, weitere Tickets für hochwertige Kulturveranstaltungen zu gewinnen. Einfach einschalten, anrufen, mitraten und gewinnen: „Raten für Karten”, jeden Morgen um 08:20 Uhr auf radio3. |
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| Zwischen Alltag und Dauerkrise: Was erwarten Sie heute vor allem von Literatur? • Anregung und Orientierung • Entspannung und Unterhaltung • Blick auf Konflikte und Missstände Ihre Meinung fließt zurück ins Programm – stimmen Sie hier ab auf radio3.de. |
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